Rebsorten


Der Südpfalzweinberg lebt von seiner Sorten- und Klonvielfalt. Insgesamt sind hier  115 einheimische Rebsorten im Anbau, die von Andreas Jung in alten Weinbergen Deutschlands entdeckt, identifiziert und eingesammelt wurden.

Schwarzer Tokayer am Rande einer Eichengruppe auf einem ehemaligen, seit der Reformation aufgegebenen Weinbergsgelände in Brandenburg ©Andreas Jung

Die Sorten und Klone im Rebsortenarchiv Südpfalzweinberg sind das Ergebnis mehrerer Erfassungs- und Rettungsaktionen, die in den gemischten Rebsätzen der alten Weinberge an der Badischen Bergstraße im Jahr 2005 begonnen haben und seit 2007 auf das ganze Bundesgebiet ausgedehnt wurden. Berücksichtigt wurden auch alte Weinbergsbrachen im schlesischen Grünberg und in Brandenburg, sowie Vorkommen alter Hausstöcke in Brandenburg und in der deutschsprachigen Schweiz. Aus mehr als 800 Vorkommen von alten Weinbergen und von Hunderten Vorkommen alter Hausstöcke wurde die Sortenidentität sämtlicher Rebstöcke festgestellt und erfasst. Danach wurde die Gesundheit der Rebstöcke bewertet, um mögliche Infektionen mit Rebviren bereits im Vorfeld auszuschließen. Die besten Reben wurden markiert. Von den uralten Reben wurden jeweils im Winter Edelreiser zur Vermehrung geschnitten und zuerst in den Rebschulen Fleischmann, Wolf und Freytag, später aber und vor allem in der Rebschule Antes in Heppenheim veredelt und etikettiert. Nach je einem Jahr Rebschulaufenthalt wurden die Pfropfreben der geretteten Sorten und Klone in das Rebsortenarchiv Südpfalzweinberg und in die anderen, von mir begründeten und betreuten Rebsortenarchive gepflanzt. Dabei wurde auf die Nematodenfreiheit der Böden zur Vermeidung von Reinfektionen mit nematodenbürtigen Viren geachtet. Mittlerweile hat sich die Rebschule Martin in Gundheim zum wichtigsten Partner bei der Vermehrung und Wiedereinbürgerung der historischen Rebsorten erwiesen (www.historische-rebsorten.de). Die Rebschule Wahler hilft aus, wenn besonders dünne Triebe zu veredeln sind.

Der Südpfalzweinberg war das erste Rebsortenarchiv dieser Art, in dem anfangs die Sorten der Badischen Bergstraße ein neues Zuhause fanden. Mittlerweile wurde das Sortenspektrum um die wichtigsten frühmittelalterlichen Sorten aus Franken, von der Saale und aus dem Bodenseegebiet ergänzt. Das Rebsortenarchiv sammelt nicht einfach nur Sorten. Die gesammelten Rebsorten sind diejenigen Sorten, die noch vor 90-150 Jahren in Deutschland im Anbau waren und aus uralten, oft noch wurzelechten Rebenbeständen stammen, die mittlerweile entweder bereits gerodet wurden oder in absehbarer Zeit gerodet werden. Die Fülle an wiederentdeckten Sorten und Klonen machte es notwendig, neue Rebsortenarchive anzulegen. Auf mehr als 3 ha sind mittlerweile weitere Rebsortenarchive gegründet worden: z.B. in Gundelsheim am Neckar, im rheinhessischen Flörsheim-Dalsheim,  in Heppenheim an der Bergstraße, in Gundheim, das jüngste Rebsortenarchiv in Bermersheim. Vermehrungsflächen für ausgewählte Sorten sind in Gundheim seit 2015 im Aufbau. Auf den Flächen der Rebsortenarchive werden insgesamt rund 1500 Klone von 300 alten, autochthonen Rebsorten erhalten. Damit dürfte das Rebsortenarchiv bezogen auf die Gesamtheit der historischen Sorten die größte Sammlung autochthoner Klone dieser Sorten in Mitteleuropa darstellen. Flächen zur Sicherung an mehreren Orten befinden sich im Taubertal, in Württemberg, Thüringen, in Rheinhessen oder in Würzburg, auch in der Schweiz und in Österreich. 15 der gesammelten, historischen Sorten sind mit 250 bis über 2000 Stock in den regulären Versuchsanbau gebracht worden: Affenthaler, Schwarzurban, Blauer Elbling, Zinfandel, Fränkischer Burgunder, Arbst, Hartblau, Grünfränkisch, Adelfränkisch, Lagler, Räuschling, Weißer Traminer, Kleinberger, Honigler und Roter Veltliner. Frühmittelalterliche Sorten wie Süßschwarz, Noir Menue, Cot à petites grappes, Simoro, die Blaue Vorzügliche, das Frühe und Späte Möhrchen, der Blaue Traminer und weitere, früher bedeutende Sorten sind im Bestandsaufbau. Ein neuer Klon des Roten Muskatellers und der Riesling Selecta, ein kleinbeeriger Rieslingklon, wurden beim Bundessortenamt eingetragen. Archive mit königlichen Tafeltrauben aus meinem Bestand befinden sich in Würzburg und in Potsdam.

Obwohl die alten Rebsorten schon seit Jahrhunderten, teils seit Jahrtausenden im Anbau sind, ist die große Mehrheit der insgesamt rund 780 historischen Kelter- und Tafeltraubensorten Zentraleuropas mit dem Inkrafttreten des Reblausgesetzes von 1929 verboten worden. Nur noch 15 der historischen Rebsorten und die 3 Neuzüchtungen Müller-Thurgau, Scheurebe und Bacchus waren zur Weinherstellung im Reich erlaubt. Bastardrebsorten (Hybriden) und sog. ausländische Sorten durften auf Geheiß nationalsozialistischer Rebenzüchter nicht mehr veredelt oder gepflanzt werden. In einer Zeit, als die wurzelechten Weinberge wegen der Reblaus massenhaft gerodet wurden, um mit reblausfesten Pfropfreben neu bepflanzt zu werden, hatte die Konzentration auf 15 erlaubte, historische Sorten verheerende Folgen für die Sortenvielfalt. Die alten Sorten blieben auch in der neuen Bundesrepublik verboten. Letzteres muss nicht verwundern, hatten die nationalsozialistischen Rebenzüchter doch auch nach Kriegsende Schlüsselpositionen in der staatlichen Rebenzüchtung inne. Zu nennen sind Husfeld und Zweigelt, als Leiter der Reichsrebenzüchtung in Nazideutschland und als Direktoren führender Zuchtanstalten im Nachkriegsdeutschland und in Österreich. Eine Entnazifizierung hat in diesem Bereich nie stattgefunden. Die Gesetze zur Sortenarmut in der Erhaltungszüchtung, ebenso wie die Sortenreinheit im Weinberg und die Sortenreinheit in der Flasche, sind vor allem von Nationalsozialisten durchgesetzt worden. Das System der Bevorzugung weniger Sorten auf staatlichen Positivlisten und die Kontrolle des Staates über Sorten, Klone, Weinberge und Wein sind ein Erbe der Reichsrebenzüchtung, deren Prinzipien von Selektion, Reinheit und Kontrolle nach dem Krieg nahtlos fortgeführt wurden. Das Bundessortenamt startete 1956 mit nur noch 12 historischen Sorten. Affenthaler, Räuschling und Farbtraube waren aus der Positivliste der registrierten Sorten verschwunden. Die Züchter der Nachkriegszeit beschäftigten sich vor allem mit der Neuzucht von Rebsorten. Erst in den 1980er und 1990er Jahren wurden Sorten wie Chardonnay, Frühroter Malvasier, Tauberschwarz  oder St. Laurent wieder interessant. Bis heute sind dennoch nur 28 der rund 550 überlebenden Traditionssorten beim Bundessortenamt offiziell registriert. Aber nur wenn diese im bundesweiten Sortenregister eingetragenen Sorten auch auf den Anbaulisten der Bundesländer stehen, dürfen sie vom Winzer ohne Versuchsgenehmigung und ohne behördliche Auflagen als Weinsorten angebaut und vermarktet werden. In Baden sind etwa die Hälfte der beim Bundessortenamt registrierten Sorten bis heute nicht zum Anbau zugelassen. Und das in einem Bundesland, wo mit der Badischen Bergstraße die Region mit der höchsten Sortendichte auf kleinster Fläche liegt und wo man 1876 noch 400 Rebsorten in Rebschulen frei erwerben und anbauen konnte.

Blauer Elbling in einer Weinbergsbrache bei Leimen ©Andreas Jung

Für die Etablierung der von Andreas Jung gesammelten, einheimischen Sorten in den Rebsortenarchiven bedurfte es für den Züchter wie für die Winzer besonderer Anbaugenehmigungen, die von den Behörden in Rheinland-Pfalz, Hessen, Franken und Württemberg dankenswerterweise erteilt wurden. Das war nicht selbstverständlich: zwei Anträge auf Versuchsanbau mit der Rebsorte Blauer Elbling wurden von den nordbadischen Behörden abgelehnt, mit der „sinnigen“ Begründung, dass es die Sorte Blauer Elbling gar nicht gäbe, denn sie stünde auf keiner offiziellen Liste. Der Blaue Elbling ist an der Bergstraße mit fast 2000 Rebstöcken die zweithäufigste und oft dominierende Rebsorte in den alten Weinbergen. Bis heute weigern sich die nordbadischen Behörden, Anbaugenehmigungen für historische Rebsorten zu erteilen, denn dort existieren alle alten Sorten genehmigungsrechtlich solange nicht, bis sie beim Bundessortenamt in die amtliche Sortenliste eingetragen wurden. Die vergleichende Sortenprüfung, die der Eintragung einer Sorte in die Sortenliste zwingend voraus geht, kostet bis zu 5000 Euro pro Sorte. Das ist viel zu viel Geld, um ein paar Hundert Stöcke einer alten, nicht eingetragenen Sorte in den Erhaltungsanbau zu bringen, zumal es ja nicht nur um eine, sondern um 300 Sorten geht. Auch in Württemberg war es schwierig: dort musste die Weinbergsfläche des Rebsortenarchivs vom Züchter Andreas Jung erst gepachtet werden, um als „Züchtersortiment“ genehmigt werden zu können. Nach einigen Jahren der Totalblockade gibt es nun seit 2017 auch im Ländle einen ersten Lichtblick: der Schwarzurban, obwohl er nicht beim Bundessortenamt registriert ist, wurde auf die Liste der in Württemberg zum Anbau erlaubten Sorten aufgenommen. In Baden wird immer noch die Monotonie der Burgundersorten gepflegt, während die historischen Sorten Hessens längst in die Landesliste der erlaubten Weinsorten aufgenommen wurden.


Weißweinsorten im Südpfalzweinberg

weiße Trauben

Die 71 weißen und roten Rebsorten:

  • Adelfränkisch / Weißer Grünling
  • Agostenga / Früher Leipziger / Frühweißer Malvasier (3)
  • Alexandriner Muskat (*)
  • Alicante Weiße
  • Augster Gelber
  • Auxerrois / Kleiner Heunisch / Moselriesling
  • Bouquettraube
  • Bukett-Silvaner
  • Chardonnay / Echter weißer Burgunder
  • Cibebe Gelbe
  • Corinthe Weiße (*)
  • Corinthe Violette / Korinthiaki  (*)
  • Edler Weißer Tokayer / Furmint
  • Elbling Weißer
  • Elbling Roter
  • Früher Olwer / Bouvier (3)
  • Frühmuskat (*)
  • Fromenteaux Weißer
  • Frührote Grusische / Grisa Rouza (3)
  • Fütterer Weißer
  • Geisdutte Weiße / (falsche) Geisdutte Weiße (3)
  • Gewürztraminer Roter
  • Grauburgunder / Tokayer Grauer
  • Gros Meslier / Großer Honigler
  • Grünfränkisch Weißer
  • Großer Veltliner Violetter
  • Gutedel Weißer / Chasselas blanc
  • Gutedel roter (*)
  • Hartheunisch Gelber / Braunes
  • Hänisch Roter / Pamid
  • Heunisch Roter (*)
  • Heunisch Weißer / Grobweisse
  • Heunisch Dreifarbiger (*)
  • Heunisch lockerbeeriger
  • Heunisch kernloser /Aspirant (*)
  • Honigler Gelber
  • Kleinberger
  • Kleinedel
  • Lagler Weißer / Später Malvasier Weißer
  • Madeleine Angevine (*)
  • Mädchentraube Weiße / Feteasca alba
  • Malvasier Weißer (*)
  • Mittelgroßer Veltliner Roter
  • Muscat de Saumur (*)
  • Muskateller Roter
  • Muskateller Weißer (*)
  • Muskat-Gutedel Weißer
  • Ortlieber Früher Gelber
  • Rosenkranz Weißer / Fitzrebe
  • Perle von Csaba (*)
  • Petersiliengutedel / Chasselas cioutat (*)
  • Plantscher / Gros Bourgogne (*)
  • Räuschling Weißer
  • Räuschling Roter
  • Riesling Weißer
  • Riesling Roter (3)
  • Rugische Rebe (Rak Szölo)
  • Scheurebe
  • Seidentraube Gelbe / Luglienga bianca / Luganer-Rebe
  • Silvaner Grüner
  • Silvaner Blauer
  • Szemendrianer Weißer (3)
  • Tokayer Weißer / Putzscheere
  • Traminer Weißer
  • Traminer Roter
  • Urban Roter (*)
  • Versoalin Weißer (3)
  • Vogelfränkische Weiße
  • Weißburgunder / Pinot Blanc
  • Welschriesling Weißer
  • Zimmettraube Aschgraue (*)

(*): weniger als 3 Rebstöcke vorhanden!

Rotweinsorten im Südpfalzweinberg

blaue Trauben

Die 44 blauen Rebsorten:

  • Affenthaler Blauer
  • Arbst Blauer
  • Black Prince
  • Blank Blauer (3)
  • Brieger / Bondola / Mohrenkönig
  • Brégin / Brezin / Römer / Mohrenkönigin
  • Champagner Blauer / Blauer Kölner
  • Champagne-Traube Schwarze / Black Prince (*)
  • Claret Ordinärer Blauer / sog. Affenthaler Heilbronn (3)
  • Clävner / Pinot-Mutation (3)
  • Côt à petites grappes (Kaiserstuhl)
  • Côt Rouge / Simoro
  • Côt / Jacobin (*)
  • Elbling Blauer
  • Frühe Violette / Negrone
  • Geisdutte Blaue (*)
  • Gouais noir / Blauer Lampart
  • Hartblau / Auvernat tinto
  • Heunisch Blauer / Sehr Später Burgunder
  • Kleiner Fränkischer Burgunder / Franc Pineau / Clävner
  • Hrvatica Blaue / Crevatizza / Kroatische Traube (*)
  • Kracher Blauer / Bettlertraube
  • Malbek
  • Margillin (*)
  • Möhrchen (*)
  • Mohrenkönig
  • Morillon tocony
  • Muskat-Gutedel Blauer (3)
  • Noir Menue / Blaue Vorzügliche / Mannarebe
  • Oeil de morion
  • Portugieser blauer
  • Rotblättriger Wildbacher (*)
  • Räuschling Blauer / Gelbhölzer
  • Samtrot
  • Schlehentraube
  • Spätburgunder Blauer / Pinot noir
  • Schwarzriesling / Pinot Meunier
  • Süßroth / Tauberschwarz
  • Süßblau / Sanguin de Chalon
  • Süßschwarz
  • Traminer Blauer / Möhrchen Kallstadt
  • Trollinger Blauer
  • Tschagelle Vernatsch (*)
  • Zinfandel / Primitivo /Kratosija

(*): weniger als 3 Rebstöcke vorhanden!

(3): 3 Rebstöcke pro Sorte

ohne Klammer: mindestens 4 Rebstöcke / Sorte vorhanden

 

Es ist bedauerlich, dass sich die staatlichen Einrichtungen mit Ausnahme der fränkischen Rebenzüchtung in Veitshöchheim weitgehend aus ihrer Verantwortung für das historische Sortenerbe in seiner vielfältigen Gesamtheit verabschiedet haben. Die Reaktivierung einzelner Sorten durch staatliche Züchter ist zwar löblich, bleibt aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. In historischen Quellen sind nach eigenen Zählungen rund 780 Rebsorten erwähnt, ohne die zahlreichen Synonyme mitzuzählen. Zieht man die 230 Sortennamen ab, die man mangels weiterer Information nicht zuordnen kann, so verbleiben immer noch gut 550 historische Rebsorten, die von Ampelographen bis 1860 differenziert und definiert wurden und die es in Mitteleuropa einmal in den alten Weingärten gegeben hat. Natürlich waren darunter auch Tafeltrauben, denn diese wurden früher ebenfalls vor Ort angebaut und nicht wie heute aus Italien, Chile oder Südafrika importiert. Allein in Sans Souci sind seit 1774 etwa 150 Sorten von Tafeltrauben auf Bestandslisten dokumentiert, so viele wie bis 1778 für die Mark Brandenburg an Weinsorten berichtet wurden. Etwa 300 Sorten hatte Herr Corthum aus Zerbst um 1810 im Angebot. Die Rebschule Blankenhorn bot 1876 noch 400 Rebsorten für ein paar Kreuzer zum freien Anbau an. Nach den beiden Weltkriegen waren es noch 12 historische Rebsorten, die 1956 beim Bundessortenamt (BSA) registriert waren und von Züchtern und Rebschulen als Pfropfreben angeboten wurden. Heute sind es wieder 28 traditionelle Sorten, neben Unmengen an Neuzüchtungen und mehr oder weniger pilzfesten Hybriden. Allerdings liegt der Schwerpunkt der Klonenzüchter nach wie vor auf den kommerziell erfolgreichsten, massenhaft angebauten Ertragsrebsorten wie Riesling, Spätburgunder und Müller-Thurgau. Kaum mehr als 10 historische Sorten sind durch verschiedenartige Klonvarianten vertreten. Nicht kommerziell verwertete Sorten werden nur zur „Genotypenerhaltung“ mit 3-5 Reben in der sog. „Deutschen Genbank Reben“ erhalten, dem Zusammenschluss der staatlichen Zuchtsortimente. Diese Sortimente im Eigentum der staatlichen Rebenzuchtanstalten gab es vorher schon, ihre Anzahl ist nach dem Krieg und der Auflösung der DDR von 10 auf 5 staatliche Zuchtsortimente geschrumpft worden. Ein Sortiment mit altfränkischen Sorten wurde in Franken neu gegründet. Leider hat der vornehme Name „Genbank“ an den strukturellen Mängeln im Hinblick auf das historische Sortenerbe nichts verändert. Die Mehrheit der historischen Sorten in den 5 Züchtersortimenten sind stark dezimierte Überbleibsel aus den ampelographischen Sammlungen des 19. Jahrhunderts. Ein Großteil der alten Sorten in Staatseigentum ist bereits viruskrank, die restlichen sind hochgradig ansteckungsgefährdet. Eine umfassende, systematische und gezielte Sammelaktion für die Gesamtheit der historischen Rebsorten hat es von Seiten des Staates seit der Reblauskrise nicht mehr gegeben. Auch nach der bundesweiten Erhebung der rebengenetischen Ressoucen in Deutschland (ARGE Jung+Fischer 2007 -2010) sind die alten Sorten von den staatlichen Genbanken weder vollständig eingesammelt worden, noch wurde ein Augenmerk auf die Erhaltung der Klonenvielfalt oder auf den Austausch viröser Akzessionen durch virusfreie Neufunde gelegt. Stattdessen zog man es in Bonn vor, den Abschlussbericht mit den Ergebnissen der nationalen Sortenerhebung und die umfangreiche Datenbank unter Geheimhaltung zu stellen. In den wenigen offiziellen Dokumenten der BLE und in den pflanzengenetischen Datenbanken des Bundes wurden die Namen der damals über 80 bereits ausgestorbenen, nun wiederentdeckten Sorten einfach unterschlagen. Das ändert nichts an der Tatsache, dass es bis heute etwa 100 Sorten sind, die ausgestorben waren und von mir seit 2005 in Deutschland und in Schlesien wiederentdeckt worden sind. In der Nordschweiz sind zusätzlich etwa 30 für das Bodenseegebiet und das Rheintal beschriebene Sorten aufgetaucht, die in Deutschland nicht mehr vorhanden waren. Der Großteil der neu oder wieder entdeckten Sorten wäre längst wieder ausgestorben, hätte Andreas Jung diese wertvollen Ressourcen nicht in Privatinitiative selbst eingesammelt und in privaten Rebsortenarchiven zur Erhaltung untergebracht. Er ist bis heute der einzige Erhaltungszüchter in Deutschland, der auch die Klonenvielfalt der beim BSA nicht registrierten, historischen Sorten beim Sammeln berücksichtigt hat.  Nur ihm ist es zu verdanken, dass es wieder mehrere virusfreie und autochthone Klone von Zinfandel, Rotem und Grünem Veltliner, Adelfränkisch, Grünfränkisch, Möhrchen, Fränkischem Burgunder, Blauem Elbling, Hartblau und vielen anderen historischen Sorten gibt. Schönwetterreden und virtuelle Sortenkataloge im Internet ersetzen nicht die praktische Arbeit, die für eine nachhaltige und vollständige Bewahrung der über 550, noch existierenden Traditionssorten in der noch vorhandenen Klonenvielfalt notwendig wäre. Für die in staatlichen Genbanken erhaltenen Genotypen ist die Virusfreiheit nicht gewährleistet. Virusfreiheit ist aber die entscheidende Voraussetzung, um alte Sorten wieder in den Anbau zurückzubringen. Viruskranke Reben sind nicht mehr praxistauglich.

Alter Weinberg bei Leimen im Winter 2006 kurz vor der Rodung ©Andreas Jung
Alter Weinberg bei Leimen, nach der Rodung im Frühjahr 2006  ©Andreas Jung

In einer Situation, wo der Staat trotz staatlicher Genbanken in der Sammlung und Erhaltung der einheimischen Sorten weitgehend versagt hat, braucht es Privatleute und Idealisten mit Sachverstand, die das kulturelle Sortenerbe einsammeln und bewahren. Private Erhaltungsorganisationen sind bei den Apfel- und Birnensorten oder beim Steinobst notwendig und bei den historischen Rebsorten noch dringlicher. Denn man kann förmlich zusehen, wie die alten Weinberge und mit ihnen das letzte autochthone, klimaerprobte Sortenmaterial täglich weniger werden. Oft ist der Fortbestand der alten Weinberge eng an die Besitzer geknüpft, die zumeist weit über 70 Jahre alt sind. Mit den Besitzern sterben auch die Weinberge. Im nächsten Winter werden die alten Rebbestände dann von den Erben gerodet, an Dritte verpachtet und neu mit den 5 üblichen Allerweltssorten bestockt. Sind sie zu steil, fallen sie brach.

Um so fataler war der Beschluss, das neu gesammelte Wissen um die zahlreichen Neufunde und Fundorte ausgestorbener und seltener Rebsorten unter Geheimhaltung zu stellen. Als einer der wenigen Sortenexperten Europas und Schlüsselfigur bei der nationalen Rebsorteninventarisierung konnte ich dem Weinbergssterben und dem Verschwinden der gerade erst entdeckten Rebsorten nicht länger tatenlos zusehen. So habe ich selber Initiative ergriffen, getragen von der Motivation, es anders und besser zu machen. Wo es die Fundsituation zuließ, enthält meine Privatsammlung der historischen Rebsorten Zentraleuropas auch regionale Klonvarianten, die sich unter wechselnden klimatischen Verhältnissen in den vergangenen Jahrhunderten herausgebildet und über die Jahrhunderte bewährt haben. Aber nicht nur wegen der Klonenvielfalt ist meine Sammlung autochthoner Rebsorten und Klone einzigartig, die Sammlung enthält auch sehr viele Sorten, die in Deutschland bereits ausgestorben waren, Sorten wie Süßschwarz, Hartblau und Vogelfränkische, die bisher einfach übersehen wurden oder Sorten wie Arbst, Fränkischer Burgunder, Schwarzer Silvaner, Adelfränkisch und Kleinberger, die es gar nicht geben dürfte, weil sie von Schreibtischtätern offiziell als Synonyme bekannterer Sorten eingestuft und somit ihrer Eigenständigkeit beraubt worden waren. So galten Arbst, Möhrchen, Clävner und Fränkischer Burgunder als Synonyme des Spätburgunders, der schwarze Schirwaner als Blaue Variante des Grünen Silvaners, der Kleinberger als Synonym des Elblings und Adelfränkisch als Synonym des Weißen Traminers, obwohl alle diese Sorte im 19. Jahrhundert detailliert beschrieben wurden und aus den Beschreibungen und Abbildungen die Eigenständigkeit als Sorte klar hervorgeht. Die Rebsortenarchive sind zudem einzigartig, weil sie nahezu ausschließlich autochthone, vielfach virusfreie Klonvarianten aus den letzten alten Weinbergen Deutschlands aufweisen. Hier setzt man nicht auf importierte Genressourcen, die man mal schnell aus der französischen Genbank oder aus Italien bezogen hat, anstatt klimaerprobte Klone vor Ort zu suchen und einzusammeln. In den Rebsortenarchiven stammen alle Sorten aus alten Rebbeständen oder aus mittelalterlichen Weinbergsbrachen. Die große Mehrheit meiner Sorten wird seit dem Früh- und Hochmittelalter in Mitteleuropa angebaut, einige alpine, asturische (austrische) und mährische Sorten sogar seit der Eisenzeit und späten Bronzezeit. Süßschwarz, Hartblau und andere Stammsorten gehen bis in die Kupfersteinzeit, vielleicht sogar bis ins akeramische Neolithkum zurück. Sie haben klimatisch auch den härtesten Frösten getrotzt und die heißesten Sommer überstanden. Ob die alten Sorten wieder einen Nutzwert im modernen Weinbau erlangen können, wird sich noch zeigen. Aber unabhängig vom ökonomischen Wert, diese alten Sorten sind unser weinbaukulturelles Erbe, ein anderes haben wir nicht.

Als zumeist uralte, kupfer- und bronzezeitliche Rebsorten haben die historischen Rebsorten den Klimawandel vom warm-feuchten Atlantikum in die kühle und trockene Buchenzeit und die nachfolgenden Trocken- und Kälteperioden überlebt. Auch wenn das Klima nach mehr als 400 Jahren Kleiner Eiszeit seit 1860 wieder einigermaßen warm geworden ist, wer weiß denn wirklich, wie es mit dem Klimawandel weiter geht. 2013 hatten wir ein extrem spätes Frühjahr mit einer sich bis Ende Juli hinziehenden Rebblüte und einer entsprechend späten Traubenreife, die manchen Winzer zwang, unreifes Lesegut zu ernten. 2014 war alles 4 Wochen früher als der langjährige Durchschnitt, die Blüte war Mitte Mai beendet, dafür kämpften die Winzer gegen die schon im August auftretende Traubenfäule (Botrytis) und die neu eingewanderte Kirschessigfliege aus Japan. Die früh eintretende physiologische Reife der Rebkerne bremste die Zuckereinlagerung im Herbst, die Trauben waren zwar aromatisch, aber vergleichsweise wenig süß. So mancher Winzer wäre sicherlich froh gewesen, spätere Sorten wie den Roten Veltliner anzubauen, die erst ab Mitte September reiften, aber dann enorm schnell und viel Zucker einlagerten, während frühere Sorten schon verfault oder von der Kirschessigfliege ruiniert waren. 2016 dauerte das extrem kühle und feuchte Frühjahr bis in den Frühsommer hinein mit entsprechenden Verzögerungen bei Austrieb und Blüte. 2017 gab es nach frühem Austrieb Nachtfröste bis zu -7 °C.  Früher deckte die historische Sortenvielfalt in den Weinbergen das ganze Spektrum von frühen bis sehr späten Sorten ab. Diese blühten auch etwas unterschiedlich und nutzen so längere Zeitfenster, in denen schlechtes Blühwetter auch zum Guten wechseln konnte, ohne dass die ganze Ernte ruiniert war. Anspruchsvolle Sorten pflanzte man in die warme Hangmitte, etwas frühere und Staunässe tolerierende Sorten an den Hangfuss, robuste und frostharte Sorten am windexponierten Oberhang. Auf Änderungen im Mikroklima reagierte man mit graduellen Änderungen im Sortenspektrum. Diese Sortenvielfalt war ertragssichernd und an die Mikroklimate und verschiedenen Terroirs angepasst. Das Säuredefizit mancher Sorten in guten Jahren wurde durch säurereichere Sorten ausgeglichen.

 

Weinbergsbrache mit den 4 letzten und einzigen Exemplaren des Kleinedels, gerodet 2007. ©Andreas Jung

Fest steht: was heute an gewachsener, klimatisch erprobter Sorten- und Klonenvielfalt verloren geht, ist für immer verloren. Viele Sorten, die ich wiederentdeckt habe, wären ohne meine aktive Sammeltätigkeit bereits wieder ausgestorben. Von der staatlichen Rebenzüchtung oder von den Weinbauverbänden erhalten die Rebsortenarchive keinerlei Unterstützung. Weder Slow Food noch andere Archeorganisationen beteiligen sich an den Kosten der Sortenerhaltung. An Sachverstand und Konzepten mangelt es im Rebsortenarchiv nicht, aber als privater Erhaltungszüchter kann ich nur das tun, was ich ohne staatliche Subventionen finanzieren und unter den gegebenen Bedingungen mit den wenigen Ressourcen und der Hilfe von Vertragsrebschulen praktisch umsetzen kann. Man müsste viel mehr tun, nicht nur in Deutschland. In Osteuropa, der kupfersteinzeitlichen Entstehungsregion der meisten zentral- und westeuropäischen Sorten sterben die Sorten dank EU-Subventionen ganz unbemerkt und still vor sich hin.

 

Umso dankbarer bin ich meinen Patinnen und Paten, dass Sie es mir ermöglichen, den Südpfalzweinberg mit seiner einzigartigen Sortenvielfalt zu bewirtschaften und fortzuführen. Ein herzliches Dankeschön an alle, die mich dabei mit Spenden und Patenschaften unterstützen oder unterstützt haben. Wichtig sind vor allem Paten, die mehrjährige Patenschaften abschließen, damit das Rebsortenarchiv Südpfalzweinberg auch für die Zukunft finanziell abgesichert ist.