Die Geschichte des Südpfalzweinbergs


Im Herbst 2000 wurde Andreas Jung gebeten, einen alten Weinberg an der Badischen Bergstraße zu besichtigen. Dort würden noch merkwürdige Rebsorten wachsen.

In der Tat waren in dem 4 Jahre später gerodeten Weinberg 43 der 82 mittlerweile an der Badischen Bergstraße gefundenen Rebsorten enthalten. Unter den im 19. Jahrhundert wurzelecht gepflanzten Rebstöcken befanden sich nicht nur bekannte und zugelassene Sorten wie Riesling, Silvaner, Muskateller oder Grauer Burgunder. Andreas Jung identifizierte auch zahlreiche, früher weit verbreitete Sorten wie Welschriesling, Roter Veltliner, Zinfandel, Pamid (Roter Hänisch) und Honigler, die heute immer noch Hauptsorten im osteuropäischen Raum sind, aber von deutschen Züchtern nie beachtet oder einfach übersehen wurden. Besonders wertvoll waren die Funde höchst seltener, vom Aussterben bedrohten Rebsorten wie Weißer, Roter und Blauer Heunisch, Blauer Elbling, Blauer Blank oder Weißer Tokayer. Selbst verschollene, bereits ausgestorben geglaubte Sorten wie Fütterer, Blaue Bettlertraube, Großer Roter Veltliner und Kleinedel waren in den alten Weinbergen enthalten. Bis 2005 waren in der Umgebung von Heidelberg 21 alte Weinberge mit Mischsätzen aufgespürt und 65 alte Sorten identifiziert. 2008 waren es 42 Weinberge mit 82 alten Sorten allein an der Bergstraße.

Da das Interesse der staatlichen Rebenzuchtanstalten bis heute nur auf den Handel mit wenigen, umsatzstarken Sortenklonen gerichtet ist, wurde in 2005 eine erste private Rettungsaktion notwendig. Diese hatte die Sicherung der alten Sorten und ihrer Klone in den 21 von Andreas Jung bis Ende 2005 entdeckten Weinbergen zum Ziel. Diese 21 Weinberge der Bergstraße wurden im Sommer 2005 in ehrenamtlicher Privatinitiative auf seltene Sorten inventarisiert. Gesunde und vitale Rebstöcke wurden zur Vermehrung ausgewählt. Hunderte von Edelreisern wurden im Winter von den ausgewählten Rebstöcken geschnitten und eingesammelt.

Um die wertvollen genetischen Ressourcen zu pflanzen und zu bewahren, musste ein Winzerbetrieb gefunden werden, der die alten Sorten pflanzen und den Traubensaft zu Wein ausbauen wollten. Durch einen Tipp des Heidelberger Geologen Dr. Peter Sinn lernte Andreas Jung den Jungwinzer Andreas Schäffer kennen. Die gesammelten Edelreiser wurden in zwei pfälzischen Rebschulen veredelt.

Ganz so reibungslos lief es denn doch nicht ab. Nur behördlich anerkannte Züchter dürfen freie Sorten in Weinbergen sammeln und Rebveredelungen bei Rebschulen in Auftrag geben. Diese müssen bei den Behörden angemeldet werden. Die 1929 verbotenen und bis heute beim Bundessortenamt nicht wieder eingetragenen Sorten bedürfen wie kommerzielle Neuzüchtungen einer speziellen Anbau- und Versuchsgenehmigung durch die Landesbehörden. Erst nach einer zweistündigen Sitzung mit den Vertretern der Landwirtschaftskammer und der DLR Neustadt und Oppenheim wurde Andreas Jung von Dr. Hoos als Vertreter des Ministeriums in den Stand des Rebenzüchters erhoben. Kurz danach wurde die Pflanzung der Bergsträßer Rebsorten im Rebsortenarchiv Südpfalzweinberg genehmigt und das Büro für Rebsortenkunde mit einer Züchternummer versehen.

Nach einem Jahr Rebschulaufenthalt konnten die Vorbereitungen für die Pflanzung der Reben im Südpfalzweinberg beginnen. Zuvor war der Antrag auf Versuchsanbau durch die Stadt Heidelberg vom Regierungspräsidium Karlsruhe trotz vorheriger Zusage abgelehnt worden. Das Sortenmaterial sei illegal gesammelt worden, der Pflanzenpass der rheinland-pfälzischen Behörden würde in Nordbaden nicht akzeptiert und im Übrigen sei die Stadt Heidelberg ja kein Winzerbetrieb und ihr Personal sei im Weinbau nicht geschult. Ganz offenbar wollte man die Erhaltung der alten Sorten von der Bergstraße in ihrer nordbadischen Heimat nicht genehmigen. An dieser Haltung hat sich bis heute nichts geändert.


Im Frühjahr 2007 bereitete Andreas Schäffer die Neupflanzung in dem 27 ar großen Weinbergsfeld vor. Mit Hilfe fleißiger Helfer wurden Pflanzlöcher gegraben und die jungen Reben eingepflanzt und bewässert. Der Südpfalzweinberg wurde zu einem Pilotprojekt in der Förderung des Tourismus im Landkreis gemacht (ILEK). Als Züchter im Hintergrund wachte Andreas Jung über die Sortenechtheit und die ordentliche und ordnungsgemäße Vermehrung der Sorten, während er im Auftrag des Bundesministeriums alte Weinberge in ganz Deutschland auf alten Sorten untersuchte und inventarisierte.

Indes baute Andreas Schäffer das System der Rebenpatenschaften auf, die es ihm ermöglichten, mit großem Arbeits- und geringem Maschineneinsatz den Weinberg biologisch zu bewirtschaften, den Pflanzenschutz zu gewährleisten, die Trauben in Handlese zu ernten, zu keltern und den Wein in Glasballons und kleinen Stahlfässern sortenrein für die Paten auszubauen. Allerdings musste einiges Lehrgeld bezahlt werden. Der Pilzdruck durch den Echten und Falschen Mehltau war in den Jahren 2007 und 2008 so hoch, dass die Grenzen der biologischen Bewirtschaftungsweise schmerzhaft aufgezeigt wurden. Die empfohlene Saatmischung mit wuchsstarken Leguminosen und mannshohen Großstauden wucherte zeitweise über die Traubenzone hinaus. Durch die Trennung vom väterlichen Weingut und der Übernahme neuer beruflicher Aufgaben gestaltete sich die wetter- und jahreszeitengerechte Bewirtschaftung des Südpfalzweinbergs durch Andreas Schäffer zunehmend schwierig. Zwei längere Krankenhausaufenthalte im Früh- und Spätsommer 2011 erforderten Schonung und eine komplett neue Lösung für den Südpfalzweinberg. Erschwerend kam der Spätfrost Anfang Mai 2011 hinzu. Nach der Frostnacht mit -4 °C waren 85% der Jungtriebe erfroren, die Aussichten auf eine Ernte waren minimal.

Im Mai 2011 startete Andreas Jung einen Spendenaufruf. Das gespendete Geld half die maschinelle Bewirtschaftung des Südpfalzweinbergs und den Pflanzenschutz durch ein Lohnunternehmen zu bezahlen. Die Reben erholten sich vom Spätfrost, auch eine kleine Traubenernte war möglich. Der Wein wurde von Mathias Ripp im Lohnauftrag ausgebaut. Für die kommenden Jahre erklärte sich der Grundstücksnachbar und ortsansässige Winzermeister Wilfried Spieß bereit, zukünftig die maschinellen Arbeiten und den Pflanzenschutz im Weinberg fachgerecht durchzuführen.

Im November 2011 wurde der neue Pachtvertrag unterzeichnet. Seither ist Andreas Jung offizieller Pächter des Südpfalzweinbergs und als Trauben und Wein erzeugender Betrieb bei der Landwirtschaftskammer registriert. Er führt sämtliche Handarbeiten und die Handlese im Weinberg aus. Zu einem fairen Preis führen Wilfried und Adrian Spieß die Bodenbearbeitung und den Pflanzenschutz im Lohnauftrag aus, zwar nicht mehr nach Biolandrichtlinien, aber umweltschonend (http://www.wein-gut-spiess.de). Seit 2013 wacht der begabte Winzersohn und Weinbauingenieur Adrian Spieß im Keller des Weinguts über die Verarbeitung der Trauben des Südpfalzweinbergs zu Qualitätswein.

Aus den verbliebenen Spendengeldern wurde ein an die Erntemengen des Südpfalzweinbergs angepasster Stahltank mit Kühlung gekauft. Darin werden die jahrgangstypischen Sortencuvées aus miteinander harmonisierenden Sorten gleicher Reifestufe hergestellt, wie das im historischen Mischsatz früher üblich und die Regel war. Die Spendengelder sind mittlerweile aufgebraucht, der Südpfalzweinberg finanziert sich nun ausschließlich durch Patenschaften und den Weinverkauf. Die jährlichen Fremdkosten (Pacht, Maschineneinsatz, Pflanzenschutz, Lesehelfer, Weinausbau, Abfüllung, Flaschen, Verschlüsse, Etiketten, Qualitätsweinprüfung, Weinanalysen, Zwangsabgaben) liegen bei 2650 Euro, ohne den Arbeitseinsatz von Herrn Jung mitzurechnen. Das entspricht rund 26 jährlichen Patenschaften, die minimal erreicht werden müssen, um das Rebsortenarchiv zu finanzieren. Mit Ihrer Patenschaft und dem Kauf der Weincuvées tragen Sie direkt zur Bewahrung der mittlerweile über 90 Sorten im Südpfalzweinberg bei.

Im November 2011 unterzeichnete Andreas Jung den neuen Pachtvertrag; allerdings nur über 20,3 der einst 26 Ar des Südpfalzweinbergs, der besitzrechtlich zwei Eigentümer hatte, aber als eine Weinbergeinheit angelegt und an Andreas Schäffer verpachtet worden war. Nach dem Rückzug von Andreas Schäffer wollte der Eigentümer des 6 Ar großen, vor allem als Wendefläche dienenden, oberen Flurstücks partout nicht an Ortsfremde verpachten. Er forderte sein Grundstück mitsamt den Reben zurück, es sei denn, man zahle ihm eine Ablöse von 12.000 Euro. Nach einigem Hin und Her stand fest, dass der Südpfalzweinberg zukünftig ohne das obere Pachtstück auskommen und somit umgebaut werden musste.
Viel Arbeit stand bevor. Durch den Verlust des oberen Flurstücks musste am oberen Ende eine neue Wendemöglichkeit geschaffen werden, die Klone und Sorten des verlorenen Abschnitts mussten als Edelreiser erneut vermehrt, in der Rebschule neu gepfropft und anschließend neu gepflanzt werden. 21 neue Endpfosten wurden mit dem Hammer eingeschlagen, verankert und neu verdrahtet. An der Westseite wurden neue Zeilen eingezogen und die Weinbergfläche bis an die Grundstücksgrenze ausgeweitet. Für die angrenzende, in der Zwischenzeit gepachtete Brachfläche konnten Pflanzrechte erworben werden, so dass dort im Mai 2014 und im Mai 2015 noch weitere Reben in drei neu angelegten Rebzeilen gepflanzt wurden. Der Südpfalzweinberg ist oben also kürzer, dafür aber breiter geworden.

Dank der Spende eines Gönners aus der Technischen Universität Karlsruhe wurde es möglich gemacht, fast alle Sortenklone im Südpfalzweinberg auf Virosen testen zu lassen. Danach wurden die kranken, virusbefallenen Klone der nicht vom Aussterben bedrohten Sorten wie Riesling, Spätburgunder, Elbling, Weißburgunder, Silvaner oder Trollinger aus Hygienegründen gerodet und so nochmals Platz für Neupflanzungen geschaffen. Rund 250 vorbereitete Pfropfreben diverser Sorten und Klone wurden bereits im Mai 2013 nachgestuft und mit dem Spaten eingepflanzt. 2014 sind nochmals 190 Reben dazugekommen, 2015 nochmals 104 Reben diverser Sorten. Wer den Südpfalzweinberg in jüngster Zeit besucht hat, konnte die vielen Pflanzhüllen um die Jungreben sehen, die die Neugestaltung des Rebsortenarchiv Südpfalzweinberg eindrücklich belegen. Unter den neuen Sorten sind uralte Sorten wie Adelfränkisch aus Franken, Süßschwarz von der Saale, Weißer Traminer aus Sachsen, Weißer und Roter Räuschling aus dem Rheintal, Affenthaler aus Schwaben, Blauer Silvaner, Kleinberger, Agostenga und Weißer Lagler vom Steigerwald, der echte Malbek von der Mosel, ein kleinbeeriger Côt aus dem Kaiserstuhl oder der Süßroth aus dem Taubertal. Hinzu kamen 3 Reben des Versoalin aus Katzenzungen, Ableger einer nach meiner Einschätzung mindestens 600-jährigen Rebe im Südtirol.
Gepflanzt habe ich außerdem die schon lange bei uns ausgestorbenen, von mir wiederentdeckten Sorten Mohrenkönig, Black Prince und das Braune (Hartheunisch). In 2014 habe ich noch einige Sortenaufsammlungen von der Saale und aus der Nordschweiz dazu gepflanzt, so den Gelben Augster, den Kleinen Burgunder, den Gouais noir, den Süßblau und Hartblau oder das Auge des Morion. Hinzu kamen die duplizierten Sortenklone, die vom oberen, nun abgetrennten und heute gerodeten Grundstück stammten. Nicht verloren gehen durften die Sortenklone des Kleinedel. Die 4 Aufsammlungen stammen von den 4 letzten, ein Jahr nach ihrer Entdeckung gerodeten Uraltreben, die es an der Bergstraße vom Kleinedel gegeben hat. Es ist der einzige Fund dieser einst im ganzen Rheintal und im Elsass verbreiteten Sorte. Die Sorte Visitator (fränkischer Fütterer) fand ich in einem Rosengebüsch auf der Fläche eines, seit 1895 brach liegenden, heute verbuschten Weinbergs bei Halle. 2015 kamen noch der Blaue Muskat-Gutedel aus Schaffhausen, die Schlehentraube von der Saale, der Arbst aus der Ortenau und die Blaue und Weiße Geisdutte dazu, auch die Weiße Mädchentraube, der Edle Tokayer, die Weiße Corinthe, der Rote Hänisch oder der Blaue Champagner. Die letzten Pflanzplätze für 5 weitere Sorten sind für 2016 eingeplant, mehr geht nicht mehr. Damit ist die Sortenzahl im Rebsortenarchiv Südpfalzweinberg im Jahr 2015 auf über 90 historische Sorten angestiegen, von denen ein wesentlicher Teil zuvor praktisch ausgestorben war und ohne mein Zutun nicht aufgespürt, nicht eingesammelt und nicht gerettet worden wäre. 90 Rebsorten sind 60% der Sortenzahl, wie man sie noch 1850 allein in drei badischen Distrikten finden konnte. Die Gesamtzahl in allen von mir seit 2007 aufgebauten Rebsortenarchiven (Weingarten, Flörsheim-Dalsheim, Heppenheim, Gundelsheim, Würzburg, Potsdam u.a.) liegt mittlerweile bei rund 300 autochthonen Sorten und bei rund 1450 Klonvarianten auf über 3 ha. Einige meiner Sorten sind auf das Interesse von experimentierfreudigen Winzern gestoßen und in den regulären Versuchsanbau gelangt (www.historische-rebsorten.de). In Bayern sind einige der alten fränkischen Sorten in neu angelegte, nach historischem Vorbild gestaltete Mischsätze gepflanzt worden.

Es ist bedauerlich, dass sich die staatlichen Stellen weitgehend aus ihrer Verantwortung für das historische Sortenerbe in seiner vielfältigen Gesamtheit verabschiedet haben. Klonenzüchterisch werden nach wie vor nur die wenigen kommerziellen, beim Bundessortenamt eingetragenen Sorten bearbeitet. Schönwetterreden und virtuelle Sortenkataloge im Internet ersetzen nicht die praktische Arbeit, die für eine nachhaltige und vollständige Bewahrung der über 550, noch existierenden Traditionssorten notwendig wäre: die alten Sorten sind von den staatlichen Genbanken weder vollständig eingesammelt worden, noch wird ein Augenmerk auf die Erhaltung der Klonenvielfalt gelegt, die bei den nicht kommerziell gehandelten Sorten auf zumeist nur eine oder keine Akzession zurückgegangen ist. Zudem ist die Virusfreiheit in den Genbanken nicht gewährleistet, ein Großteil der alten Sorten in Staatseigentum ist viruskrank und nicht mehr praxistauglich. Dies war meine Motivation, es anders und besser zu machen. Wo es die Fundsituation zuließ, enthält meine Sammlung alter, zentraleuropäischer Rebsorten auch regionale Klonvarianten, die sich unter wechselnden klimatischen Verhältnissen in den vergangenen Jahrhunderten herausgebildet und über die Jahrhunderte bewährt haben. Aber nicht nur wegen der Klonenvielfalt ist meine Sammlung autochthoner Rebsorten und Klone einzigartig, die Sammlung enthält auch sehr viele Sorten, die in Deutschland bereits ausgestorben waren, Sorten wie Süßschwarz und Hartblau, die von staatlichen Züchtern übersehen wurden oder Sorten wie Arbst, Fränkischer Burgunder, Adelfränkisch und Kleinberger, die es gar nicht geben dürfte, weil sie offiziell als Synonyme bekannterer Sorten eingestuft sind. Die Sammlung ist zudem einzigartig, weil sie nahezu ausschließlich autochthone, vielfach virusfreie Klonvarianten aus den letzten alten Weinbergen Deutschlands aufweist, und nicht auf genetische Ressourcen setzt, die man mal schnell aus der französischen Genbank oder aus Italien importiert hat, anstatt klimaerprobte Klone vor Ort zu suchen und einzusammeln. Die Mehrheit meiner Sorten wird seit dem Mittelalter in Mitteleuropa angebaut, einige alpine und mährische Sorten sogar seit der Eisenzeit und späten Bronzezeit. Sie haben klimatisch auch den härtesten Frösten getrotzt und die heißesten Sommer überstanden. Ob die alten Sorten einen Nutzwert im modernen Weinbau erlangen können, wird sich noch zeigen. Aber unabhängig vom ökonomischen Wert, diese alten Sorten sind unser weinbaukulturelles Erbe, ein anderes haben wir nicht. Wie archäologische Fundstücke spiegeln die Sorten die Geschichte des zentraleuropäischen Weinbaus wider. Sehr wahrscheinlich wurden Stammsorten wie Süßschwarz bereits von Völkern wie den Ma-Eri (Mavro), Cucu (Susa, Choka), Vinca (Vainakh) und den Dakern (Daci, Tokay) angebaut, die vor 7500 Jahren in Zentralasien, im Transkaukasus, in den südlichen Karpaten und auf dem Balkan lebten. Damit stammen die ältesten Sorten aus der Kupfersteinzeit und es muss einen Grund geben, dass sie bis heute überlebt haben. Jede Sorte hatte in einer bestimmten Zeitepoche ihre Existenzberechtigung. Auch wenn das Klima nach mehr als 400 Jahren Kleiner Eiszeit seit 1850 wieder einigermaßen warm geworden ist, wer weiß denn wirklich, wie es mit dem Klimawandel weiter geht. 2013 hatten wir ein extrem spätes Frühjahr mit einer sich bis Ende Juli hinziehenden Rebblüte und einer entsprechend späten Traubenreife, die manchen Winzer zwang, unreifes Lesegut zu ernten. 2014 war alles 4 Wochen früher als der langjährige Durchschnitt, die Blüte war Mitte Mai beendet, dafür kämpften die Winzer gegen die schon im August auftretende Traubenfäule (Botrytis) und die neu eingewanderte Kirschessigfliege aus Japan. Die früh eintretende physiologische Reife der Rebkerne bremste die Zuckereinlagerung im Herbst, die Trauben waren zwar aromatisch, aber vergleichsweise wenig süß. So mancher Winzer wäre sicherlich froh gewesen, spätere Sorten wie den Roten Veltliner anzubauen, die erst ab Mitte September reiften, aber dann enorm schnell und viel Zucker einlagerten, während frühere Sorten schon verfault oder von der Kirschessigfliege ruiniert waren. Früher deckte die historische Sortenvielfalt in den Weinbergen das ganze Spektrum von frühen bis sehr späten Sorten ab, die Sortenvielfalt war ertragssichernd und an die Mikroklimate angepasst. Anspruchsvolle Sorten pflanzte man in die Hangmitte, etwas frühere Sorten an den Hangfuss. Das Säuredefizit mancher Sorten in guten Jahren wurde durch säurereichere Sorten ausgeglichen. Fest steht: was heute an gewachsener, klimatisch erprobter Sorten- und Klonenvielfalt verloren geht, ist für immer verloren. Viele Sorten, die ich wiederentdeckt habe, wären ohne meine aktive Sammeltätigkeit längst wieder ausgestorben. Von der staatlichen Rebenzüchtung oder von den Weinbauverbänden gibt es keinerlei Unterstützung. An Sachverstand und Konzepten mangelt es im Rebsortenarchiv nicht, aber als privater Erhaltungszüchter kann ich nur das tun, was ich ohne staatliche Subventionen finanzieren und unter den gegebenen Bedingungen mit den wenigen Ressourcen und der Hilfe zweier Vertragsrebschulen praktisch umsetzen kann. Man müsste viel mehr tun, nicht nur in Deutschland.

Umso dankbarer bin ich meinen Patinnen und Paten, dass Sie es mir ermöglichen, den Südpfalzweinberg mit seiner einzigartigen Sortenvielfalt zu bewirtschaften und fortzuführen. Ein herzliches Dankeschön an alle, die mich dabei mit Spenden und Patenschaften unterstützen oder unterstützt haben. Wichtig wären vor allem Paten, die mehrjährige Patenschaften abschließen, damit das Rebsortenarchiv Südpfalzweinberg auch für die Zukunft finanziell abgesichert werden kann. Ab dem Jahrgang 2014 bekommen mehrjährige Paten ab dem 2. Jahr 12 Flaschen Wein.

Vielleicht überlegen Sie es sich ja, und verlängern Ihre einjährige Patenschaft oder wandeln Ihre zwei- oder dreijährigen Patenschaften in eine unbegrenzte Laufzeit um. Das würde mir eine größere Planungssicherheit geben und die Erhaltungsarbeit wesentlich erleichtern.